Mit ihrer eigenwilligen Mixtur verschiedenster Stilistiken ist die Leipziger Band "Schrödingers Katze" sicherlich ein Einzelfall in der Region. Die hippokratische Rhythmussektion trifft hier auf die akrobatisch zu nennenden Texte des Sängers und Literaten Daniel Dexter. Wie und weshalb das Ganze funktioniert, bleibt - wohl aus Prinzip - schleierhaft. Ein Satz wie "Ich zeige dir die Sehenswürdigkeiten meiner Heimatstadt" zumindest findet ohne weiteres seinen metrischen Platz. Und zwar ohne Kontaktanzeige.

Die Band (Daniel Dexter - voc, keyb , Susann Bähnisch - bass, Jochen Gille - dr, Rondy Rußbüldt - git) verfügt über gefährlich hittiges Liedgut und entkommt nur durch elegante Störmanöver dem Allzu-Eingängigen. So ist es zum Beispiel in "Briefe an Julia" zunächst ein pentatonisches basso continuo, welches den Wohlklang mindert, bevor schließlich unregelmäßige Zählzeiten den kompletten Aufbau aus den Fugen kippen. Trotzdem -oder gerade deswegen- geht es einem schon nicht mehr aus dem Ohr, dieses "Briefe an Julia".

Man hat es nicht einfach mit den charmanten Dieben: Die Versatzstücke unterliegen ständiger Brechung und Varianz. Erschwerend kommt hinzu, daß Band und Sänger dabei Gegenteiliges zu intendieren scheinen. Doch wo in den 90ern noch die Ironie den Weg durchs Dickicht wies, herrscht nunmehr akademische Strenge. "Schrödingers Katze" kultivieren jene hinterhältige Wissenschaft der verstimmten Instrumente und Beinahe- Grooves, deren Erscheinen regelmäßig in Zeiten musikalischer Dekadenz fällt. Und obwohl diese Band fast unsichtbar zu nennen ist, wird sie noch so manch anspruchsvollen Hörer ein paar Wochen lang unglücklich machen.